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Wem gehört der Boden?

Rudi Mehl und ich besuchten das Seminar, das Demeter BW in Bad Boll veranstaltet hat. Die etwa 50 Teilnehmer kamen zum Großteil aus dem Demeter-Bereich, obwohl breiter eingeladen wurde (z.B. ökologische Betriebe). Landkauf heißt Verantwortung übernehmen für NUTZUNG. Boden kann nicht produziert werden, ist keine Ware, er ist nur durch die Bewirtschaftung etwas wert. Investoren kaufen heute weltweit Land aus Misstrauen ins Finanzsystem, davon ca. 2 Mio. ha hauptsächlich zur weltweiten Energieerzeugung. In Deutschland werden pro Jahr 0,7% der Fläche verkauft, in BW nur 0,23% = 4300 ha. Der größte Teil wird angeboten von Landwirten oder Eigentümern der ersten und zweiten Generation.

Evangelische Akademie in Bad Boll

Evangelische Akademie in Bad Boll

Die Umwandlung in Siedlungsfläche beträgt immer noch 4000 ha allein in BW. Es wird erwartet, dass die Nutzfläche pro Kopf, die in 1950 51 ar war, auf 18 ar in 2050 sinken wird. Der Bedarf pro Kopf der Bevölkerung liegt bei 20 ar. Boden war früher ein Kulturgut, jetzt ist es Produktionsgut geworden.

Die heutige Situation der Betriebe
Der Umsatz in der Landwirtschaft liegt durchschnittlich bei 1100 € / ha, der Umsatz von Biogasanlagen bei 2600-3200 € / ha. In BW wurden bis jetzt 260.000 kW Leistung installiert, mit rückläufiger Tendenz. 11% der landwirtschaftlichen Betriebe sind größer als 100 ha, haben aber 55% der Fläche.

Durchschnittlich sind 60% der Fläche gepachtet. Die Anzahl der großen Betriebe nimmt zu, weil die Nachfolger fehlen. In der Wertschöpfungskette Produzent-Großhandel-Einzelhandel-Verbraucher gibt es eine sehr unterschiedliche Ertragsfähigkeit. Der Kapitalbedarf je Arbeitsplatz in der Landwirtschaft beträgt 385 T€ bei einem Umsatz von 85 T€. Im Großhandel ist das Verhältnis Kapital zu Umsatz 45 : 250 T€. In der Bilanz gibt es keine Einrechnung der Bodenfruchtbarkeit, die sozio-ökologischen Leistungen der Landwirtschaft werden nicht anerkannt.

Die Demeter-Betriebe sind zu klein für Einkäufer großer Ketten. Der Großhandel kann nur 15 % aus der Region beziehen. 50 % der Bio-Ware kommt aus dem Ausland. 60 % der landwirtschaftlichen Fläche ist gepachtet. Pacht ist flexibel und steuerwirksam. Der Pachtpreis beträgt durchschnittlich 423 € / ha, max. 800 € wobei er steigt, da die Subventionen von 300 € / ha den Verpächtern bekannt sind. Die Eigentümerstruktur ändert sich sehr stark. Betriebe mit mehr als 40 ha haben viele Verpächter. Die Landwirte müssen mit Verpächtern gute und klare Beziehungen haben, was oft vernachlässigt wird, deshalb sind langfristige Pachtverträge wichtig. Die GLS bietet Pachtverträge für 30 Jahre, verhandelt aber alle 10 Jahre neu.

Wenn der Wunsch besteht, Land zu kaufen, ist dies aus dem heutigen Erlös nicht zu erwirtschaften. Landwirtschaftliche Flächen über 40 ha werden nicht mehr von Landwirten gekauft, da das Geld hierfür nicht reicht. Der Preis für Land ist in den Bundesländern sehr unterschiedlich, 20.000 € / ha in BW, 10.000 € in den Ostländern.

Einkommensteuergesetzes treibt die Preise nach oben: Der Erlös bei Verkauf von landwirtschaflichem Land muss nicht versteuert werden, wenn er innerhalb von 4 Jahren wieder für den Kauf von Land verwendet wird. Da zahlt man gern einen höheren Preis – das ist immer noch günstifer, als Steuer zu bezahlen. Interessant ist, dass es bei 80 % der Verkäufe unter den Interessenten Wettbewerb gibt statt Kooperation. Um Landkauf zu ermöglichen, hat die Dorfgemeinschaft Tennental mit Erfolg einen Fundraiser eingestellt, bei einem Gehalt von 45 T€ wurden 300 T€ Spenden erzielt.

Wo soll es hingehen?
In der Landwirtschaft arbeiten nur 1 % der Bevölkerung. Sie dient der Existenzsicherung und braucht deswegen einen breiten gesellschaftlichen Diskurs, der weit über die 1 % Landwirte hinausgeht (Modelle präsentieren, Ergebnisse veröffentlichen), Sensibilität für zukünftige Entwicklungen, Beziehungspflege zu Öffentlichkeit, Verpächtern und Eigentümern, Schaffung von Clustern in der Region, Bürgerbeteiligungsgesellschaften, Assoziationen gründen. Suche nach Menschen, die Geld zu niedriger Rendite investieren. Landwirtschaft bietet Wärme, Vertrauen entwickelt sich durch Transparenz. Ein Modell ist die Regionalwert AG, die von Christian Hiß vorgestellt wurde. Die Regionalwert AG ist eine Bürger-Aktiengesellschaft mit 2,14 Mio. Bilanzsumme. Hauptgrund für die Gründung war, den Kindern von Landwirten eine freie Berufswahl zu ermöglichen und eine außerfamiliäre Übernahme zu erleichtern. Die regionale Wertschöpfungskette in der AG besteht aus Dienstleistung, Landwirtschaft, Verarbeitung, Vermarktung. Die AG steuert die Regionalentwicklung, identifiziert Unternehmen, selektiert Unternehmen durch 64 Indikatoren und erfasst sozio-ökologischen Nebeneffekte.

Soll eine weitere Regionalwert-AG gegründet werden? Dies muss aus der Realität heraus entstehen, wenn der Beteiligungswille da ist. Der Geist sucht sich die Form. Der Beziehungsaufbau der Beteiligten kann von der Landwirtschaft nicht geleistet werden und braucht externe Hilfe durch Indikatoren. Das persönliches Verhältnis unter den Beteiligten erzeugt Bewusstseinsbildung zu den Themen Macht und Verantwortung. Macht darf nicht verhindert werden. Ausführlich wurde das Thema der Hofnachfolge diskutiert. Nach einer Umfrage war für 1/3 der Kinder die Hof-Übernahme freiwillig, für 2/3 nicht. Wer den Hof nicht übernahm, hatte lebenslang ein schlechtes Gewissen. Dagegen hat ein Nachfolger die Freiheit zur Entscheidung, erst danach ist es Verpflichtung. Wie sucht man Nachfolger? Am Anfang sollte die Frage stehen: Soll der Hof weiter existieren, hat der Betrieb Entwicklungspotential. Eine Hofbiographie hilft dabei. Dies gibt mehr Stärke und reduziert die Angst. Ein Hof sollte übergeben, nicht verkauft werden. Es gibt dazu mehrere Möglichkeiten: Unterstützer, Miteigentümer, Partner, die Bio-Boden-Gesellschaft der GLS. Neben Landwirten können dort nur gemeinnützige Einrichtungen Gesellschafter werden. Hofübergabe sollte ein gleitender Übergang sein, den der Landwirt im Alter von 50 Jahren beginnt und der mit 65 nicht zu Ende ist. Zu definieren sind eigenverantwortliche Bereiche für den Nachfolger, auch wenn der Eigentümer ein wirtschaftliches Risiko sieht. Für den Nachfolger setzt die Gestaltungsmöglichkeit ungeahnte Kraft frei. Das Loslassen ist wichtig. Beharrung durch „die Alten“ lähmt. Für eine weitere Entwicklung braucht es neue Menschen, der Abgebende muss bereit sein, der Nachfolger muss den Prozess einläuten. Die Übergabe ist Vertrauenssache. Eine Unterstützung durch den Demeter-Verband ist möglich. Das Ergebnis: 50 % der Hofübergaben sind erfolgreich.

Die Lösung liegt in ganz individuellen Gestaltungen. Thomas Schmid erläuterte die Situation auf dem Heggelbachhof: Es gab eine außerfamiliäre Hofübergabe an heute sechs Familien, zwei alte und vier neue. Der 25 jährige Lernprozess zeigt, dass Transparenz äußerst wichtig ist, jeder weiß heute, was der Andere tut. Das Eigenkapital sollte so gering wie möglich sein, aber dadurch wird die Finanzierung mit der Bank schwierig. Ursprünglich wurde der Hof privat gekauft, dann aber an den gemeinnützigen Verein Mercurialis übergeben. Es werden derzeit 180 ha bewirtschaftet. Bei Neukauf ist heute teilweise privater Kauf notwendig, da der Verkauf an den Verein (als nicht-landwirtschaftliche Unternehmung) eine Ausschreibung bedingt. Das Ergebnis des Seminars: Politik ist kein Vordenker.

Der Rat von Herrn Greff (GLS Bank): EINFACH TUN! Aktiv werden heißt Veränderung bei jedem Einzelnen. Ganz wichtig: Beziehungspflege, Öffnung nach außen, Transparenz. Dies ist eine sehr schwierige Herausforderung, die nicht in unserem Innern ruht.  > Jahresbrief 2012 / E.S.& R.M.

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